LESEZEIT / Deutsch · Klasse 5
Etwa 20 Minuten · ohne Zeitdruck

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Herbstspuren

Lies die Geschichte. Beantworte danach die Fragen und finde die Hinweise im Text.

DEIN LESETEXTca. 7 Minuten Lesezeit

Ein Platz für den Herbst

Eine Geschichte über genaues Hinsehen

1

Am Dienstag nach den Herbstferien ging die Klasse 5b in den Schulgarten. Am Morgen hatte es geregnet. Jetzt hingen nur noch kleine Tropfen an den Zweigen, und zwischen den Wolken kam die Sonne hervor. Mila zog ihre Jacke enger um sich. Neben dem Gartentor lag eine dicke Schicht aus gelben und braunen Blättern. „Hier sieht es ja unordentlich aus“, sagte sie. Ihr Freund Jona schob mit dem Schuh ein Blatt zur Seite. Darunter war die Erde dunkel und feucht. Auf dem freien Weg daneben war sie schon fast trocken.

2

Frau Winter, ihre Deutschlehrerin, hatte einen ungewöhnlichen Auftrag mitgebracht: Die Kinder sollten den Garten genau beobachten und später einen Bericht für die Schülerzeitung schreiben. „Ein guter Bericht beginnt mit Fragen“, erklärte sie. Jona zeigte auf den großen Ahorn. „Warum werden seine Blätter bunt?“ Frau Winter erklärte, dass in den Blättern verschiedene Farbstoffe stecken. Im Frühjahr und Sommer überdeckt der grüne Farbstoff viele andere Farben. Wenn im Herbst die Tage kürzer werden, baut der Baum das Blattgrün ab. Dadurch werden gelbe und orange Farbtöne sichtbar. Mila staunte: Ein Teil der Farben war also schon vorher da gewesen.

3

Die Kinder teilten sich in kleine Gruppen auf. Mila und Jona sollten den Bereich hinter dem Geräteschuppen untersuchen. Dort lagen Blätter, dünne Äste und einige umgestürzte Blumentöpfe. Mila holte einen Rechen. Sie wollte alles auf einen Haufen ziehen und später in die große Gartentonne werfen. Gerade als sie anfangen wollte, hörte sie ein leises Rascheln. Jona legte einen Finger an die Lippen. Beide blieben stehen. Unter den Blättern bewegte sich etwas, doch sie konnten nicht erkennen, was es war. „Vielleicht nur eine Maus“, flüsterte Mila. „Vielleicht“, antwortete Jona. „Aber wissen tun wir es nicht.“

4

Sie riefen Herrn Aydin, der den Schulgarten betreute. Er kniete sich neben den Laubhaufen, ohne ihn auseinanderzuziehen. „Im Laub finden viele kleine Tiere Schutz“, erklärte er. „Auch Igel können solche geschützten Stellen nutzen. Ob hier gerade einer sitzt, können wir nicht sagen.“ Mila wollte die Blätter vorsichtig anheben, aber Herr Aydin schüttelte den Kopf. „Um einen guten Bericht zu schreiben, müsst ihr nicht jedes Versteck öffnen. Manchmal ist es besser, eine Frage offen zu lassen.“ Gemeinsam traten sie zurück. Das Rascheln hörte auf.

5

Nun betrachtete Mila den Garten anders. Das Laub war nicht einfach Abfall. Herr Aydin zeigte auf ein Beet, dessen Boden unter einer lockeren Blätterschicht lag. Die Schicht schützte den Boden vor dem Austrocknen. Mit der Zeit zersetzten kleine Bodentiere, Pilze und Bakterien die Blätter. Dabei wurden Nährstoffe wieder verfügbar, die Pflanzen zum Wachsen brauchen. „Der Garten räumt also auf seine eigene Weise auf“, meinte Jona. Mila musste lachen. Ganz ohne Arbeit ging es trotzdem nicht: Die nassen Blätter auf dem gepflasterten Weg waren rutschig und mussten weg.

6

Die beiden machten einen Plan. Sie wollten den Weg freifegen und das Laub hinter dem Schuppen liegen lassen. Auch die lockere Schicht auf dem Beet sollte bleiben. Mit zwei anderen Kindern sammelten sie die umgestürzten Töpfe ein. Dann stellten sie neben der geschützten Ecke ein Schild auf: „Hier bleibt das Laub. Bitte nicht stören!“ Mila schrieb die Worte mit einem dicken Stift. Jona wollte noch einen Igel dazumalen. „Lieber Blätter“, schlug Mila vor. „Sonst denken alle, wir hätten wirklich einen Igel gesehen.“ Jona nickte und zeichnete drei große Ahornblätter.

7

Zurück im Klassenraum schrieb Jona den ersten Satz ihres Berichts: „Heute haben wir einen Igel im Schulgarten gerettet.“ Mila las ihn und überlegte. Der Satz klang spannend, aber er stimmte nicht mit ihren Beobachtungen überein. Gemeinsam änderten sie ihn: „Heute haben wir entdeckt, warum Laub im Schulgarten liegen bleiben darf.“ Danach beschrieben sie das Rascheln und ergänzten, dass sie kein Tier gesehen hatten. Frau Winter las den Anfang und nickte. „Jetzt können eure Leser unterscheiden, was ihr beobachtet habt und was ihr nur vermutet.“

8

Als Mila am Nachmittag nach Hause ging, blieb sie noch einmal am Gartentor stehen. Der Weg war frei, hinter dem Schuppen lagen die Blätter, und das neue Schild leuchtete zwischen den Zweigen. Für Mila sah der Garten jetzt nicht mehr unordentlich aus. Er sah aus wie ein Ort, an dem unterschiedliche Dinge ihren Platz hatten. Sie nahm ein gelbes Blatt vom Weg und steckte es zwischen die Seiten ihres Hefts. Unter ihren Bericht wollte sie morgen schreiben: „Genau hinsehen heißt manchmal auch, etwas in Ruhe zu lassen.“

Ende der Geschichte · Für diese Leseübung verfasst